Warum eigentlich diese Aufregung über die Karfreitagsbitte in bezug auf die Juden in der katholischen Kirche? Die aktuell verwendete Formulierung (von 1970) lautet: “Laßt uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluß sie führen will.” – Papst Benedikt hatte im vergangenen Jahr die neue (noch nicht verwendete) Formel genehmigt, “….dass die Juden Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen”.
Darin wollen Kritiker nun einen Aufruf zur Judenmission erkennen. Hier hat sich unter anderen der Gesprächskreis “Juden und Christen” des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) positioniert: “Weil Gottes Bund Israel bereits das Heil erschlossen hat, braucht die Kirche nicht um das Heil Israels besorgt zu sein, die Juden nicht zum christlichen Glauben bekehren und sie nicht um ihres Heiles willen zur Taufe zu veranlassen”. Die Autoren plädieren aber dafür, dass Juden und Christen voreinander den jeweils eigenen Glauben bekennen. Der Vorsitzende des obengenannten Gesprächskreises Hanspeter Heinz nannte als Kernaussage des Papiers die These vom “nicht gekündigten Bund” Gottes mit Israel. Deshalb sei der jüdische Weg zum Heil auch aus christlicher Sicht “voll gültig”. Er fügte hinzu, dass er durchaus “erheblichen Widerspruch” zu dieser Auffassung erwarte.
Diese Vorhersage bedurfte keiner prophetischen Erkenntnis: Die Reaktion kam postwendend. Wie Welt-Online berichtet, hat sich am 15. April 09 die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) scharf von der Erklärung des ZdK abgegrenzt. Die Kritik – vorgetragen vom Regensburger Bischof Müller – gipfelte in der Ausasge: Das vom ZdK-Gesprächskreis Juden und Christen vorgelegte Papier dürfe in keiner Weise als offizielles Dokument der Kirche oder als authentische Darstellung des katholischen Glaubens angesehen werden.
Bischof Müller – Ökumene-Beauftragter der DBK – lehnt zwar wie das ZdK jede Judengegnerschaft als “Verrat” am Christusbekenntnis ab; doch wendet er sich dagegen, den Unterschied zwischen den beiden Religionen nur in der Vorstellung der Menschwerdung Jesu Christi und in der Lehre von der Dreieinigkeit zu sehen. Müller weist auch die ZdK-Auffassung zurück, Christen und Juden verträten die Position, dass jenseits der Glaubensunterschiede Taten der Nächstenliebe einen Weg zu Gott eröffneten. Was jüdisches und christliches Bekenntnis unterscheide, sei die Frage, ob Jesus der verheißene Messias ist, ob die Inkarnation, der Sühnetod am Kreuz und die Auferweckung von den Toten vom selben Gott des Bundes, dem Gott und Vater Jesu Christi, tatsächlich gewirkt worden sind. Das ungeschmälerte Christusbekenntnis der Kirche bleibe deshalb konstitutiv für den katholischen Glauben und zentrales Thema im Gespräch mit der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Das negativ besetzte Schlagwort “Judenmission” bringe die Sendung der Kirche in Mißkredit. Obwohl Gott jenen, die das Evangelium ohne eigene Schuld nicht kennen, auf Wegen die ER weiß, zum Glauben führen könne, liege doch auf der Kirche die Notwendigkeit und zugleich das heilige Recht der Evangeliumsverkündigung. Deshalb behalte heute und immer die missionarische Tätigkeit ihre ungeschmälerte Bedeutung und Notwendigkeit. Es sei und bleibe eine qualitative Bestimmung der Kirche des Neuen Bundes, dass sie Kirche aus Juden und Heiden ist.
Bischof Müller spricht (zu Recht) von völlig verfehlten Formulierungen im ZdK-Papier. Weder habe die neue Fürbitte für die Juden im außerordentlichen Ritus der Karfreitagsliturgie etwas mit Judenmission in einer negativen Bedeutung zu tun, noch gebe es eine “Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils”, die den Bund Gottes mit dem jüdischen Volk als einen Heilsweg zu Gott darstellt, auch ohne Anerkennung Jesu Christi und des Taufsakramentes. Soweit der Bischof.
Anmerkung: Die Sendung Jesu Christi bezog sich auf das Volk Israel; ebenso die Mission der Apostel nach dem Pfingstereignis. Die Heidenmission kam besonders durch den Apostel Paulus in Gang. Die ersten Gemeinden bestanden aus Judenchristen. Wer die Apostelgeschichte kennt, weiß, dass die Apostel, allen voran Petrus und Johannes, das Volk der Juden zu Buße und Umkehr aufgerufen haben. Aus der Rede des Petrus auf dem Tempelplatz (Apg 3,11-26): “Mose hat gesagt: Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, aus euren Brüdern erwecken. Auf ihn sollt ihr hören in allem, was er zu euch sagt. Jeder, der auf jenen Propheten nicht hört, wird aus dem Volk ausgemerzt werden. Und auch alle Propheten von Samuel an und alle, die später auftraten, haben diese Tage angekündigt. Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit euren Väter geschlossen hat, als er zu Abrahm sagte: Durch deinen Nachkommen (Jesus) sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht erweckt und gesandt, damit er euch segnet und jeden von seiner Bosheit abbringt.”
In Kapitel zwei der Apostelgeschichte sagt Petrus in der Pfingstpredigt: “Mit Gewißheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.” Und in Kapitel vier: “und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.” Bei der Taufe des Kornelius heißt es: “Und er hat uns geboten, dem Volk zu verkündigen und zu bezeugen: Das ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten. Von ihm bezeugen alle Propheten, das jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt.”
Die in der Artikelüberschrift gestellte Frage kann noch erweitert werden mit der Zusatzfrage, wie denn für jemanden gebetet werden darf. – Zunächst ist es doch ein Eingriff in die Freiheit einer Glaubensgemeinschaft und auch in die persönliche Freiheit des Einzelnen, hier irgendwelche Vorschriften von außen zu machen. Wer die Karfreitagsbitten aus dem aktuellen Meßbuch kennt, weiß, dass nach der Bitte für die Juden die Bitte folgt: “Laßt uns beten für alle, die nicht an Christus glauben, daß der heilige Geist sie erleuchte und sie auf den Weg des Heiles führe.” Wer ist damit gemeint? Ist es ein Problem, hierbei an Juden, Muslime und andere zu denken und sie ins Gebet einzuschließen? So gesehen könnte man auf eine spezielle Bitte für die Juden verzichten! Warum also die Aufregung?
Heinz Josef Ernst