Nachdem sich bei uns die Aufregung über die zahlreichen Moscheebauten in Deutschland gelegt hatte, schlugen die Wellen nach dem Votum unserer geschätzten Schweizer Nachbarn zum Minarettverbot wieder hoch. Warum eigentlich machte sich Entsetzen breit?
Hat man Angst vor Vergeltungsakten islamistischer Gruppen? Sieht man – wie Grüne und Rote – die Integration in Deutschland und Europa gefährdet? Verstößt man damit gegen das im Grundgesetz und in den Menschenrechtserklärungen festgeschriebene Recht auf Religionsfreiheit? (siehe Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 18, vom 10. Dezember 1948 und in der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, Artikel 9).
Warum will sich der Erzbischof von Freiburg, Robert Zollitsch, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, in diesem Zusammenhang für die Muslime einsetzen? Wo haben sie mehr Freiheit als bei uns? Er sagt unter anderem, dass Leute, die Minarette verbieten, auch Kirchtürme verbieten könnten. – Verboten werden diese nur in der Türkei und anderen islamischen Ländern.
Er sprach auch vom Recht auf einen würdigen Moscheebau – hängt die Würde von der Höhe des Minaretts ab? – Das einzige – immer wieder vorgebrachte – Argument für den Minarettbau ist die Religionsfreiheit (ein sehr dehnbarer Begriff!). Dabei gibt es selbst seitens moderater Muslime die Aussage, dass sie sich dadurch nicht in dieser Freiheit beeinträchtigt sehen.
Sehen wir uns die andere Seite an: “Mit deftiger Rhetorik kritisiert die Regierung in der Türkei das Neubau-Verbot für Minarette in der Schweiz. doch auch in der Türkei haben es religiöse Minderheiten schwer, Gotteshäuser zu bauen oder offiziell genehmigt zu bekommen…” (Aus: Das Kreuz mit den Christen in der Türkei – Deutscher Pfarrer beklagt miserable rechtliche Situation”, Schwarzwälder Bote vom 03.12.2009).
Nun geht es keineswegs darum, gleiches mit gleichem zu vergelten. Die Hoffnung der Bischöfe dabei ist wohl, dass die Muslime vom Entgegenkommen hier bei uns so positiv “überwältigt” werden, dass sie von sich aus den Christen in bestimmten Ländern mehr Freiheit geben. Bisher blieb die Erfüllung dieses Grundgedankens leider nur ein schöner Traum.
Manche reiben sich dagegen verwundert die Augen, wenn sie den Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 02.12.09 lesen: “In der türkischen Politik, Presse und Bevölkerung wird sehr differenziert über das Minarett-Votum in der Schweiz diskutiert. Bisher gab es noch keine öffentlichen pauschalen Verurteilungen. Ganz im Gegenteil: Das Schweizer Votum, das den Bau von Minaretten verbieten soll, erinnere die türkische Bevölkerung an den eigenen Umgang mit Minderheiten…”. Im türkischen Rechtsblatt Tercüman heißt es: Die Türkei sei auch nicht besser als die Schweiz. “Wenn wir ein Referendum gegen Kirchenglocken abhalten würden, dann würden wohl 90 Prozent für ein Verbot stimmen – und das Land der Schande wären wir.”
Dabei sei das Minarettverbot in der Schweiz noch nicht einmal mit der Situation für Christen in der Türkei vergleichbar, wie der orthodoxe Pater Dositheos gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte. Schon seit Jahren kämpfen die Grichisch-Orthodoxen für die Wiedereröffnung des Priesterseminars auf der Insel Halki, von der das Überleben des Patriarchats abhängt. Bisher hat sich hier noch nichts getan. Und obwohl die türkischen Christen gerade mal 0,2 Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden immer wieder Stimmen laut, die im Christentum eine Bedrohung für Land und Leute sehen.
Solche Beschimpfungen, so berichtet Pater Dositheos, habe er jetzt nach dem Votum noch nicht gehört. Er hätte Anrufe von vielen Türken bekommen, doch „bisher gab es keine Drohungen oder Schikanen.“ Auch der türkische Autor Mehemet Barlas mahnte seine Landesgenossen vor solchen unüberlegten Verurteilungen: „Haben wir vergessen, dass man bei uns Andersgläubige abgeschlachtet hat? Dass das Priesterseminar auf Halki noch immer geschlossen ist?“
Theologen und Politologen aus ganz Europa, einschließlich der Türkei, sehen in dem Minarett-Verbot deshalb auch eine Chance. In ganz Europa müsse nun über das Zusammenleben von verschiedenen Religionen nachgedacht werden, erklärt der Jesuit Felix Körner, der selbst lange in Ankara lebte und arbeitete. Und sagt weiter: „Ich finde es gut, dass diese Diskussion jetzt geführt wird, überall in Europa.“ Quellen: Jesus.de; Süddeutsche Zeitung und Schwarzwälder Bote, sowie Menschenrechtserklärungen.
Schlußbemerkung: Eigentlich ging es bei dem Referendum in der Schweiz nur vordergründig um das Minarettverbot. Der Hintergrund ist das wachsende Unbehagen über die zunehmende Islamisierung Europas. Die Ängste gibt es bei uns genauso, nur darf bei uns das Volk nicht abstimmen.
Es steht uns Deutschen also nicht zu, über die Schweizer herzufallen. Wenig hilfreich ist auch der Kommentar in einer katholischen Kirchenzeitung: “Das Thema Integration und Religionspluralität darf nicht denen überlassen werden, die letztlich nur zündeln wollen. Positionen, die bewußt und systematisch keinen Unterschied machen zwischen Islam und Islamismus, darf man das Feld nicht überlassen. Und Religionsfreiheit ist entweder unteilbar oder es ist keine.” – Hilfreich wäre es vielmehr, sich mit dem real existierenden Islam in Ägypten, Sudan, Saudi Arabien, Pakistan, etc. zu beschäftigen. Was hilft es dem Verständnis des Islams, wenn die hier bei uns lebenden (friedlichen) Muslime nicht repräsentativ für die Wirklichkeit in den oben genannten Ländern sind? (Auch bei uns gibt es Gewaltbereite, die Islamisten – schon fünf Prozent sind fünf zuviel; haben wir es denn mit zwei Religionen zu tun? Kommen sie nicht alle aus der gleichen Wurzel? ) – Dieses akademische Geschwafel über die Religionsfreiheit wird beim dem verstummen, der anfängt, sich aktiv für Menschenrechte/Religionsfreiheit einzusetzen. – Dabei zeigt gerade ein Christ seine Liebe zu den Muslimen besonders dadurch, dass er sie als Freunde gewinnt und sich ihnen gegenüber zu Jesus Christus als den einzigen Weg zu Gott bekennt (Jesus ist der Heiland auch der Muslime: “Niemand kommt zum Vater, außer durch mich”). Natürlich auch im Respekt vor dem Glauben des anderen. Dieser Respekt fällt den bedrängten und geschundenen Christen in den islamischen Ländern oft schwer genug, obwohl sie das Gebot der Feindesliebe kennen.
Heinz Josef Ernst